Systemisches Denken hat sowohl in der Psychotherapie als auch im Coaching einen festen Platz gefunden. Doch trotz gemeinsamer Grundlagen unterscheiden sich beide Ansätze deutlich in Zielsetzung, Methodik und Anwendung. Wenn Sie sich fragen, ob systemisches Coaching oder eine systemische Psychotherapie für Ihre Situation geeignet ist, kann ein genauer Blick auf die Unterschiede zwischen beiden Methoden helfen.
Was ist systemische Psychotherapie?
Die systemische Psychotherapie beschäftigt sich mit den Beziehungen und Mustern innerhalb menschlicher Systeme – seien es Familien, Freundeskreise oder berufliche Kontexte. Ziel ist es, die Dynamiken zu erkennen, die zu Problemen führen, und Lösungen zu entwickeln, die Veränderungen ermöglichen.
Die Grundprinzipien der systemischen Therapie wurden von Weber und Simon (1987) präzise beschrieben: Sie untersucht, wie somatische (körperliche), emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Muster ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen. Veränderungen – sowohl innerhalb des Systems als auch in der Umgebung – können Anpassungsleistungen erfordern, die nicht immer ohne Weiteres gelingen. Störungen entstehen oft, wenn sich starre Vorstellungen und Beziehungen nicht an veränderte Bedingungen anpassen können.
Die systemische Therapie zielt darauf ab, diese Stagnation aufzubrechen. Der Therapeut hilft dabei, neue Perspektiven zu entwickeln und Handlungsoptionen zu schaffen. Dabei stehen die Probleme und ihre Auswirkungen im Mittelpunkt, mit einem klaren Fokus auf Heilung und psychische Gesundheit.
Was macht systemisches Coaching aus?
Systemisches Coaching nutzt ebenfalls die Prinzipien systemischen Denkens, hat jedoch einen anderen Schwerpunkt. Es dient der Unterstützung und Betreuung von Klientinnen und Klienten in spezifischen Lebenssituationen, insbesondere im beruflichen oder leistungsorientierten Kontext.
Während in der Therapie die Bewältigung von Problemen und deren oft tief liegenden Ursachen im Fokus steht, richtet sich das Coaching auf die Optimierung von Leistung und Handlungsfähigkeit. Es handelt sich um eine individuell zugeschnittene Beratung, die den Klienten dabei hilft, sich in seinem Beziehungsgeflecht – sei es im Unternehmen, im Sport oder in persönlichen Netzwerken – erfolgreicher zu bewegen.
Ein gutes Beispiel ist das Coaching von Athleten, wie es im Kontext von Boris Becker und Günther Bosch beschrieben wurde. Der Sport- Coach übernimmt eine Vielzahl von Rollen: Er fungiert als Taktikberater, Ernährungsplaner, Medienberater und emotionale Stütze. Ziel ist es, nicht die Heilung von Problemen, sondern die Verbesserung von Leistung und Wohlbefinden zu erreichen.
Die entscheidenden Unterschiede
Zielsetzung
Systemische Psychotherapie konzentriert sich auf die Heilung und Bewältigung psychischer und emotionaler Probleme. Systemisches Coaching hingegen zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit und Handlungsoptionen des Klienten zu verbessern.
Fokus
Die Therapie arbeitet mit tiefen emotionalen, kognitiven und somatischen Prozessen. Coaching dagegen legt den Fokus auf konkrete Strategien, Ziele und deren Umsetzung.
Kontext
Psychotherapie findet häufig im persönlichen, familiären oder sozialen Kontext statt, während Coaching meist in beruflichen oder leistungsbezogenen Umfeldern angesiedelt ist.
Rollenverständnis
Der Therapeut ist ein neutraler Begleiter, der den Klienten unterstützt, seine eigenen Ressourcen zu entdecken. Der Coach hingegen ist oft direkter beteiligt, gibt Feedback und übernimmt in bestimmten Bereichen auch beratende Funktionen.
Gemeinsamkeiten und ergänzende Perspektiven
Trotz dieser Unterschiede gibt es Überschneidungen. Beide Ansätze basieren auf der Annahme, dass Menschen durch ihre Beziehungen und Interaktionen geprägt werden. In beiden Fällen geht es darum, neue Perspektiven zu schaffen, eingefahrene Muster zu hinterfragen und Lösungen zu erarbeiten.
Wenn Sie überlegen, welcher Ansatz für Sie geeignet ist, sollten Sie sich folgende Fragen stellen: Geht es um die Bewältigung tieferliegender emotionaler oder psychischer Herausforderungen? Dann könnte eine systemische Therapie das Richtige sein. Oder suchen Sie Unterstützung, um Ihre Ziele klarer zu definieren und Ihre Leistung zu verbessern? In diesem Fall könnte systemisches Coaching besser passen.
Fazit
Der Unterschied zwischen systemischer Psychotherapie und Coaching liegt vor allem in Zielsetzung und Methodik. Beide Ansätze haben ihre spezifischen Stärken und bieten Ihnen wertvolle Unterstützung – sei es bei der Überwindung von Herausforderungen oder der Optimierung Ihrer Fähigkeiten. Mit einer bewussten Entscheidung können Sie den für Ihre Situation passenden Weg wählen und von den Vorteilen des systemischen Denkens profitieren.
Dieser Artikel wurde von Viktoria Krebs, Psychologin in Ausbildung, GORTcoaching geschrieben und stützt sich auf Informationen aus:
Gester, P.-W. (1991). Systemisches Coaching. In Papmehl & Walsh (Eds.), Personalentwicklung im Wandel (pp. 103–117). Gabler Verlag. https://doi.org/10.1007/978-3-322-84602-0_9
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