Dissoziative Störungen gehören zu den komplexeren psychischen Erkrankungen, bei denen Betroffene häufig ein gestörtes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper und Geist erleben. Diese Störungen können in verschiedenen Formen auftreten, etwa als dissoziative Amnesie oder die Dissoziative Identitätsstörung (früher als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt). Die Symptome beinhalten oft das Gefühl der Entfremdung von sich selbst oder der Umwelt, was zu innerer Unruhe und körperlichen Verspannungen führt. In solchen Fällen können Entspannungstechniken, wie die Progressive Muskelentspannung (PMR) nach Jacobson, eine wertvolle Hilfe darstellen. In diesem Artikel erfahren Sie, wie die psychologische Wirkung der Progressiven Muskelentspannung bei dissoziativen Störungen eingesetzt werden kann, um das Wohlbefinden zu fördern und die Symptome zu lindern.
Was ist Progressive Muskelentspannung?
Die Progressive Muskelentspannung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Edmund Jacobson entwickelt und basiert auf der Beobachtung, dass eine gezielte Muskelanspannung gefolgt von einer Entspannung in den betreffenden Muskelgruppen zu einer umfassenden Beruhigung des gesamten Körpers führt. Dies geschieht durch die Aktivierung des Parasympathikus, des Teils des vegetativen Nervensystems, der für die Senkung des Blutdrucks, die Reduzierung der Herzfrequenz und die Förderung einer tieferen Atmung verantwortlich ist. Jacobson entdeckte, dass viele psychische Spannungen im Körper in Form von Muskelanspannungen manifestiert werden und dass diese durch gezielte Entspannungsübungen verringert werden können.
Die Rolle der PMR bei dissoziativen Störungen
Dissoziative Störungen sind häufig mit einer Übererregung des Sympathikus verbunden, der für den „Kampf-oder-Flucht“-Mechanismus zuständig ist. Dies führt zu einer konstanten Anspannung der Muskulatur, die wiederum das Gefühl der Unruhe und Entfremdung verstärken kann. Durch die Praxis der Progressiven Muskelentspannung können Sie lernen, Ihre Muskulatur bewusst zu entspannen, was dazu beiträgt, den Parasympathikus zu aktivieren und eine tiefere innere Ruhe zu fördern.
Besonders wichtig bei dissoziativen Störungen ist der Zusammenhang zwischen Körperwahrnehmung und geistiger Gesundheit. Viele Betroffene erleben das Gefühl der Entfremdung von ihrem eigenen Körper, was zu einer Verstärkung der dissoziativen Symptome führen kann. Die PMR hilft, dieses Gefühl der Entfremdung zu verringern, indem Sie sich gezielt auf den Körper konzentrieren und lernen, Muskelverspannungen bewusst zu lösen. Diese Rückbesinnung auf den Körper trägt zur Stabilisierung des Selbstgefühls bei und fördert eine stärkere Integration von Körper und Geist.
Die psychologischen Effekte der PMR bei Dissoziation
Die psychologische Wirkung der Progressiven Muskelentspannung bei dissoziativen Störungen ist besonders wirksam, weil sie eine direkte Verbindung zwischen Körper und Geist herstellt. Indem Sie lernen, einzelne Muskelgruppen bewusst anzuspannen und zu entspannen, schaffen Sie eine neue, positive Erfahrung der Körperwahrnehmung. Dies kann dabei helfen, das Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen, das bei dissoziativen Störungen oft verloren geht. Es ist ein Weg, sich selbst neu zu verankern, was besonders in stressigen oder traumatischen Momenten von Bedeutung ist.
Die regelmäßige Anwendung der PMR kann auch zu einer Reduzierung von Angst und Nervosität führen, die häufig Begleiter von dissoziativen Symptomen sind. In vielen Fällen können Sie durch die bewusste Entspannung der Muskulatur eine allgemeine Beruhigung des Nervensystems erreichen, was langfristig zu einer stabileren psychischen Verfassung führt. Darüber hinaus bietet die PMR eine Methode zur Selbsthilfe, die jederzeit und ohne äußere Unterstützung angewendet werden kann, was das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle stärkt.
Praktische Anwendung der PMR
Die Progressive Muskelentspannung ist leicht zu erlernen und benötigt keine speziellen Hilfsmittel. In der Anfangsphase empfiehlt es sich, die Übung unter Anleitung eines erfahrenen Therapeuten zu erlernen. Eine typische Übungseinheit dauert etwa 20 Minuten, wobei Sie zunächst eine Muskelgruppe anspannen und anschließend entspannen. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung, was hilft, die Muskelwahrnehmung zu schärfen und das Gefühl der Entfremdung zu verringern.
Für Menschen mit dissoziativen Störungen ist es besonders hilfreich, PMR regelmäßig zu üben, um eine Routine zu etablieren und die Technik in akuten Stresssituationen anzuwenden. Die Technik kann sowohl in Einzel- als auch in Gruppensitzungen erlernt werden, wobei einige Betroffene von der Verwendung von Audio-Anleitungen oder Kasetten profitieren können, um den Lernprozess zu erleichtern.
Fazit
Die psychologische Wirkung der Progressiven Muskelentspannung bei dissoziativen Störungen ist vielfältig und trägt nicht nur zur körperlichen Entspannung bei, sondern fördert auch das psychische Wohlbefinden. Durch die bewusste Wahrnehmung und Entspannung der Muskulatur können Sie das Gefühl der Entfremdung verringern, Ihre innere Ruhe wiederfinden und eine bessere Verbindung zu Ihrem Körper herstellen. In Kombination mit einer Therapie für dissoziative Störungen kann die PMR eine wertvolle Unterstützung auf dem Weg zu mehr Stabilität und Wohlbefinden bieten.
Dieser Artikel wurde von Viktoria Krebs, Psychologin in Ausbildung, GORTcoaching geschrieben und stützt sich auf Informationen aus:
Gatterer, G. (2009). Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. In R. Likar, G. Bernatzky, D. Märkert, & W. Ilias (Eds.), Schmerztherapie in der Pflege (pp. 249–257). Springer Vienna. https://doi.org/10.1007/978-3-211-72328-9_23
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