In der Führungsforschung gibt es keine „One-size-fits-all“-Lösung. Was in einer Situation funktioniert, kann in einer anderen scheitern. Die Kontingenztheorie erklärt genau dieses Phänomen: Effektive Führung hängt nicht nur von den Eigenschaften der Führungskraft oder den Mitarbeitenden ab, sondern vor allem vom Zusammenspiel mit der jeweiligen Situation. Für Führungskräfte bedeutet das: Flexibilität ist entscheidend.
Was bedeutet „Kontingenz“ in der Führung?
Der Begriff „Kontingenz“ beschreibt in diesem Zusammenhang die Abhängigkeit eines Führungsverhaltens von situativen Gegebenheiten. Die zentrale Annahme lautet: Es gibt keinen universell besten Führungsstil – vielmehr muss der Stil zur Situation passen. Unterschiedliche Modelle der Kontingenztheorie betonen dabei verschiedene Faktoren wie die Art der Aufgabe, die Reife der Mitarbeitenden oder die Beziehung zwischen Führungskraft und Team.
Das Fiedler-Modell als Klassiker
Eines der bekanntesten Kontingenzmodelle stammt von Fred Fiedler. Es unterscheidet zwischen aufgabenorientierten und beziehungsorientierten Führungskräften. Entscheidend für die Effektivität des jeweiligen Führungsstils sind drei Situationsmerkmale:
- Die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden
- Die Struktur der Aufgabe (klar oder unklar)
- Die Positionsmacht der Führungskraft
Laut Fiedler ist eine aufgabenorientierte Führung besonders dann erfolgreich, wenn die Situation entweder sehr günstig oder sehr ungünstig ist. In mittleren Situationen ist hingegen eine beziehungsorientierte Führung hilfreicher. Wichtig: Fiedler geht davon aus, dass der Führungsstil relativ stabil ist – die Führungskraft sollte also die Situation anpassen, wenn möglich, nicht sich selbst.
Flexible Führung nach Hersey und Blanchard
Ein anderes Kontingenzmodell, das im Coaching und der Praxis oft Anwendung findet, ist das Reifegradmodell von Hersey und Blanchard. Hier steht die Anpassungsfähigkeit der Führungskraft im Vordergrund. Der Führungsstil soll dem „Reifegrad“ des Mitarbeitenden angepasst werden – also seiner fachlichen Kompetenz und seinem Engagement.
Das Modell unterscheidet vier Führungsstile:
- Anweisen (bei geringer Kompetenz und geringem Engagement)
- Anleiten (bei geringer Kompetenz, aber hohem Engagement)
- Beteiligen (bei hoher Kompetenz, aber schwankendem Engagement)
- Delegieren (bei hoher Kompetenz und hohem Engagement)
Dieses Modell fordert von Führungskräften ein hohes Maß an Diagnostikfähigkeit und Flexibilität – und ist besonders in dynamischen Arbeitskontexten hilfreich.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für moderne Führungskräfte ergibt sich aus der Kontingenztheorie eine klare Konsequenz: Es reicht nicht, einen bevorzugten Führungsstil zu „verfeinern“. Vielmehr geht es darum, kontextsensitiv zu handeln. Das bedeutet:
- Die Situation realistisch einschätzen (Aufgabenstruktur, Teamdynamik, Machtverhältnisse)
- Die Mitarbeitenden individuell betrachten (Kompetenz, Motivation, Autonomiebedürfnis)
- Den eigenen Führungsstil reflektieren und gegebenenfalls anpassen
Gerade in Zeiten von Transformation, Unsicherheit, und hybriden Arbeitsformen zeigt sich, wie wichtig ein situativ angepasstes Führungsverhalten ist. Wer als Führungskraft flexibel agiert, erhöht nicht nur die Wirksamkeit der Führung, sondern stärkt auch das Vertrauen und die Eigenverantwortung im Team.
Fazit: Situatives Führen ist wirksames Führen
Die Kontingenztheorie macht deutlich, dass Führung ein dynamischer Prozess ist. Erfolgreiche Führungskräfte orientieren sich nicht stur an einem Idealstil, sondern reagieren sensibel auf die jeweilige Situation. Der richtige Führungsstil ist eben nicht „richtig“ im Allgemeinen – sondern nur dann, wenn er zur Situation passt. Wer das versteht und anwendet, schafft die Grundlage für nachhaltige Führungserfolge.
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DIESER ARTIKEL WURDE VON CELIA JALAß, KLINISCHE PSYCHOLOGIN, GORTCOACHING GESCHRIEBEN UND STÜTZT SICH AUS INFORMATIONEN AUS:
Fiedler, F. (2015). Contingency theory of leadership. In J. B. Miner (Ed.), Organizational Behaviour 1: Essential Theories of Motivation and Leadership (pp. 232-256). Routledge.
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